Freunde der Deutschen Evangelischen Kirche auf Capri e.V.

 
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Dieter Richter

Capri und die Deutschen

 

Dieter Richter

Bruder Glücklichs trauriges Ende.

Wie die Sehnsuchtsinsel Capri dem Essener Stahlkönig Friedrich Alfred Krupp 1902 zum Verhängnis wurde und warum die Insulaner seiner heute mit Wehmut gedenken.

 

Dieter Richter

Der Friedhof der Nichtkatholiken auf der Insel Capri

Dieter Richter
Jakobsleiter in den Himmel
Auf der Phönizischen Treppe auf Capri können Besucher wieder Stufen zählen.

Luciano Garofano 
Viaggiare in etichetta

Franz Freiherr von Gaudy
Capri
   (1838)

Bitte beachten Sie auch unsere Literaturempfehlungen

 

 

Dieter Richter

Capri und die Deutschen

Die Liebe der Deutschen zu Capri hat ihre Wurzeln im Geist der Romantik. 1826 entdeckte der Dichter August Kopisch zusammen mit dem Maler Ernst Fries die »Blaue Grotte«: Aus Capri, einem bis dahin fast unbekannten Felseneiland wurde damit eines der attraktivsten Reiseziele im Mittelmeer. Der vielgelesene Reisebericht von Ferdinand Gregorovius, Die Insel Capri – Idylle vom Mittelmeer (1856) trug dann ebenso zur Popularisierung Capris in Deutschland bei wie Victor von Scheffels Bestseller Der Trompeter von Säckingen (1854), dessen »Kater Hiddigeigei« zum Namenspatron des bekanntesten Lokals auf Capri wurde. Auch einige von Paul Heyses Italienischen Novellen sowie zahlreiche andere heute vergessene Romane und Erzählungen hatten die Insel im Golf zum Schauplatz.

Caffè Zum Kater Hiddigeigei in der Via Hohenzollern

Daneben richtete sich auch das Interesse deutscher Wissenschaftler im 19. Jahrhundert auf die Erforschung der Insel: Der Historiker Julius Beloch widmete sich der antiken Topographie (1890), der Zoologe Theodor Eimer der Erforschung der Insel- Fauna (1873/74), der Wiener Architekt Josef Hoffmann studierte die Insel-Architektur als Vorbild für den Stil der »Wiener Moderne« (1897). In diesen Zusammenhang der wissenschaftlichen Bemühungen gehören auch die Arbeiten von Friedrich Alfred Krupp zur Erforschung der marinen Tiefseefauna vor Capri.

Friedrich Alfred Krupp 1896

Es verwundert also nicht, daß unter den zahlreichen Reisenden, die um die Jahrhundertwende (1900) Capri besuchten, neben den Engländern gerade die Deutschen eine besondere Rolle spielten. Neapel war damals ein florierender Fremdenverkehrsort, und ein Tagesausflug nach Capri gehörte zum »Pflichtprogramm« jedes Reisenden. Der Baedeker von 1911 spricht von rund 40.000 Besuchern im Jahr, »darunter über die Hälfte Deutsche«. Deutsch war die zweite Sprache auf der Insel, die Hauptstraße trug seit 1894 den Namen via Hohenzollern.

Caffè Zum Kater Hiddigeigei in der Via Hohenzollern, ca. 1895

Besonders beliebt unter Malern und Schriftstellern war das 1825 gegründete Hotel Pagano. Dort hatten u.a. die Dichter Wilhelm Waiblinger, August von Platen und Victor von Scheffel Logis genommen, die Maler Carl Blechen, Carl Götzloff und Joseph von Führich; später waren hier Theodor Fontane (1874) und Gerhart Hauptmann (1883) zu Gast. Der Ruf des Pagano war damals in aller Munde: Ein Modell des Hotels wurde sogar auf der Berliner Industrie-Ausstellung 1886 im italienischen Pavillon ausgestellt. Daß Friedrich Alfred Krupp gerade nicht im Pagano mit seiner deutschen Klientel, sondern in der von Engländern und Amerikanern bevorzugten Konkurrenz des Quisisana abstieg, spricht für sich: Er wollte auf Capri Privatmann sein.

Hotel La Palma, vorm. Pagano

Hotel Quisisana 1902

Zu den Reisenden, die Capri damals für kürzere oder längere Zeit besuchten, gehörten neben Künstlern und Lebenskünstlern vor allem Angehörige des höheren und des gehobenen Bürgertums, Rentiers, Beamte, Ärzte, Studenten sowie zahlreiche Personen »von Stand«. Capri war außerdem beliebt als Ziel von Hochzeitsreisenden (man denke an Woldemar und Armgard in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin), und Capri hatte einen großen Ruf als Winter-Luftkurort mit Heilanzeigen für Bronchial- und Lungenleiden sowie für rheumatische und nervöse Beschwerden (wie sie auch Krupp quälten). Die damalige touristische Haupt-Saison waren, anders als heute, die Winter-Monate (die auch Krupp für seine capresischen Aufenthalte bevorzugte).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich außer Engländern und Amerikanern auch einige Deutsche auf der Insel niedergelassen und sich dort komfortable Villen errichtet. Zu ihnen gehören die Villa Tragara des Hamburger Malers Christian Wilhelm Allers, die Villa Capricorno des Frankfurter Industriellen Hugo Andreae, die Villa Discopoli des Berliner Juristen Hugo Andreas Faehndrich (dessen Gast Rainer Maria Rilke 1906/7 war) und die Villa Behring des Marburger Mediziners und Nobel- Preisträgers Emil von Behring, des Entdeckers des Diphterie-Serums. Mit ihm pflegte Krupp freundschaftlichen Umgang.

Villa Discopoli

Lebendige Erinnerungen an die Aktivitäten der deutschen Fremdenkolonie dieser Zeit sind – abgesehen von der via Krupp – drei historische Lokalitäten besonderer Art: 1878 gründeten Engländer und Deutsche den »Friedhof der Nicht-Katholiken«; 1899 errichtete ein Frankfurter Verein die »Deutsche Evangelische Kirche« an der via Tragara; und schließlich stiftete der bereits erwähnte Hugo Andreae im Jahr 1900 die Kapelle Sant´Andrea für die Fischer an der Marina Piccola.

aus: Krupp auf Capri. Ausstellungskatalog. Capri 2002, S.5-6.

Alle Abbildungen: Archiv U. Schuch

 

 

Dieter Richter

 

Bruder Glücklichs trauriges Ende.

Wie die Sehnsuchtsinsel Capri dem Essener Stahlkönig Friedrich Alfred Krupp 1902 zum Verhängnis wurde und warum die Insulaner seiner heute mit Wehmut gedenken.

»Bei seiner Rückkehr aus Capri, wo er gewöhnlich den Winter und einige Frühlingsmonate zu verbringen pflegt, ist Friedrich Alfred Krupp, der Fürst unter den europäischen Industriellen, gestern im Hotel »Vesuve« in Neapel abgestiegen«, meldete die italienische Wochenzeitung Il Pungolo am 28.Mai 1901. Und weiter: »Für die schlichte, arbeitsame Bevölkerung Capris gilt Krupp als wahrer Glücksfall. Während der drei oder vier Monate, die er sich jedes Jahr dort aufhält, gibt er Feste, populäre Unterhaltungen und elegante Gesellschaftsabende für die ausländische Kolonie, wobei er die ganze Insel in Aufregung versetzt und huldvoll Brosamen aus dem Schatz seiner Millionen unter den Ärmsten der Armen verstreut«.

Friedrich Alfred Krupp

Krupp auf Capri, der reichste Mann Europas auf der exklusivsten Insel im Mittelmeer: Wie hätte die zeitgenössische Presse anders darüber berichten können, als in jener Mischung aus Devotion und Süffisanz, wie sie für den Klatsch-Journalismus schon damals üblich war? Wer prominent ist, hat kein Privatleben: Die Paparazzi aller Couleur haben diesen Satz zum gnadenlosen journalistischen Credo des 20. Jahrhunderts gemacht. Und Friedrich August Krupp, der Essener »Kanonenkönig«, wurde sein erstes Opfer. Sein Capri-Leben sollte ihm zum Verhängnis werden.

Unternehmer ohne Leidenschaft

Friedrich August Krupp war nach Friedrich Krupp (1787-1826), der die bescheidenen Anfänge der Firma gelegt und Alfred Krupp (1812-1887), der sie zur größten deutschen Gußstahlfabrik gemacht hatte, der dritte in der Essener Familien-Dynastie.

»Die ersten erwerben – die zweiten erben – die dritten verderben«: Diese Philosophie der Generationenfolge wurde früher gern zitiert. Für Friedrich August Krupp, der mit den Namen auch die unternehmerischen Erwartungen von Großvater und Vater zugleich zu tragen hatte, galt sie nicht, jedenfalls nicht im wirtschaftlichen Sinn. Er baute das Essener Gußstahlunternehmen zum Weltkonzern aus. Sein Name war synonym mit dem Boom der »Gründerjahre« und darüber hinaus mit jener Verflechtung von Großkapital, Militarismus und Flottenpolitik, wie sie für das Zeitalter des Wilhelminismus typisch war.

Und dennoch trug Krupp im Verborgenen das unternehmerische Stigma der »dritten Generation«: Er arbeitete, aber die Leidenschaft gehörte nicht dieser Arbeit. Das unterschied ihn von Vater und Großvater. In seiner Jugend hatte er wenig Neigung verspürt, in die Fußtapfen seiner Vorfahren zu treten. Er wollte Naturwissenschaftler werden, beschäftigte sich mit Paläontologie und interessierte sich für Tiefseeforschung. Eher von dem autoritären Vater dazu genötigt, wuchs er in das Unternehmen hinein, übernahm 1887 seine Leitung, aber »das lebhafteste Interesse für die Wissenschaft« (so in einem Brief vom Dezember 1899 an den Meeresforscher Anton Dohrn) begleitete ihn sein Leben lang. Eher preußischem Pflichtethos folgend, versah der schüchterne, introvertierte Mann die Geschäfte in Essen, und die Sprache seines Körpers verriet nur zu deutlich die inneren Spannungen und das Unbehagen an einer Position, in der er sich zu bewähren hatte: Krupp, ein kleiner, untersetzter, kurzsichtiger Mann, litt an Asthma, Kreislaufstörungen und Depressionen.

Der Kanonenkönig als Meeresforscher

Für dieses Syndrom vielfältiger nervöser Leiden hatte die Epoche des fin de siècle die Mode-Diagnose der »Neurasthenie« geprägt und dafür auch gleich die Therapie parat: ein Aufenthalt im Süden. Nicht nur für Krupp war es die Krankheit, die es damals einem anständigen Menschen in gutsituierter Position erlaubte, sich für kürzere oder längere Zeit in Italien niederzulassen, ohne dafür scheel angesehen zu werden. 1898 reiste der damals 44-jährige Krupp an den Golf von Neapel, der damals wegen seines heilsamen Klimas bei Ärzten in ganz Europa hoch im Kurs stand. Aber Krupp war nicht gekommen, um hier nur seine »Müdigkeit zu schaukeln«, wie es in Nietzsches schönem Gedicht Im Süden heißt (auch er, Nietzsche, ein Heilungsuchender in Italien). Krupp traf in Neapel auf einen Mann und eine Einrichtung, denen er bis zu seinem Tod sein zweites, sein südliches Leben widmen konnte, tätig auch dieses, aber in freier, selbstbestimmter Tätigkeit: den Meeresforscher Anton Dohrn und die Stazione Zoologica.

Anton Dohrn

Stazione Zoologica in Neapel

Auch Dohrn hatte sich auf seine Weise den Traum von einem alternativen Leben im Süden erfüllt. Er hatte sich 1868 bei Ernst Haeckel in Jena habilitiert, dann aber auf eine klassische akademische Laufbahn verzichtet. Die Universität, so Dohrn, begünstige Einseitigkeit, Spezialistentum und wissenschaftliche Borniertheit. Mit der Gründung der Stazione Zoologica, des ersten Meeresforschungs-Instituts der Welt am Golf von Neapel 1874 realisierte er ein neuartiges Forschungsmodell, das nicht nach dem Muster eines universitären Instituts mit seinen hierarchischen Abhängigkeiten organisiert war, sondern (in heutigen Begriffen ausgedrückt) auf den Ideen der interdisziplinären Kooperation und des Praxisbezugs gründete. Gleichzeitig war Dohrn ein genialer Wissenschafts-Unternehmer: Die Station, im Privatbesitz von Dohrn, vermietete gegen Geld sogenannte »Arbeitstische« an einzelne Länder oder wissenschaftliche Einrichtungen, deren Vertreter dann für eine bestimmte Zeit am Institut arbeiten konnten und hier wie in einer Art von »Wissenschaftskolleg« zusammenlebten.

An keiner Universität hätte es ein wissenschaftlicher Außenseiter vom Schlage Krupps zu etwas bringen können. In Anton Dohrn traf der Stahl-Unternehmer auf eine kongeniale Persönlichkeit, die die kreativen Fähigkeiten dieses »sachkundigen Laien« (wie sich Krupp in einem Brief an Dohrn definierte) zu fördern verstand und natürlich auch von dessen Mäzenatismus profitierte. Geld spielte für Krupp keine Rolle, er ließ zwei eigene Forschungsschiffe, die Maja und die Puritan ausrüsten, überließ die Arbeit an Kanonen und Raketen im fernen Essen den Prokuristen und widmete sich der Erforschung der Tiefseefauna im Golf von Neapel. Dabei gelang ihm die Entdeckung von 27 neuen Arten mariner Kleinlebewesen, darunter auch einer unbekannten Larve des Aals. Unterstützt wurde er von Dohrns Assistenten Salvatore Lo Bianco, der auch die Ergebnisse von Krupps Forschungskampagnen wissenschaftlich publizierte. »Herr Krupp leitete mit großem Interesse und Sachverständnis alle Operationen selbst und führte genau Buch über alles, was sich auf die einzelnen Fänge bezog«: So beschreibt Lo Bianco den Eifer des Privatgelehrten auf seinem Laborschiff. Die wissenschaftlichen Bestrebungen im Bereich der Meeresbiologie, »deren Verfolgung ihm in seinen letzten Lebensjahren eine Hauptfreude war« (wie Margarethe Krupp nach seinem Tod an Dohrn schrieb), waren für Krupp mehr als ein »Hobby«. Es war der Rückzug aus der Welt des Stahls und der autoritären Väter-Ordnung ins mütterliche Reich des Wassers, der fließenden Grenzen, der offenen Horizonte. In keiner anderen Epoche waren Triebverzicht und Evasion so eng miteinander verbunden – die frühen Romane Heinrich Manns erzählen davon.

Maja

Puritan

Quisisana oder Hier wird man gesund

Sein Wohnquartier während seiner winterlichen Aufenthalte am Golf von Neapel bezog Krupp auf der Insel Capri. Rings um die Certosa, das alte Karthäuserkloster am Rande der Ortschaft, erwarb er ausgedehnte Ländereien, und es hätte nahegelegen, dem Beispiel anderer Ausländer folgend, sich hier eine jener prächtigen Villen zu bauen, die auf Capri noch heute an die Namen ihrer ehemaligen Besitzer erinnern: an den Hamburger Maler Christian Wilhelm Allers zum Beispiel, der sich im November 1903 nur durch die Flucht einer Festnahme und anschließenden Verurteilung wegen Pädophilie entziehen konnte, oder an den Marburger Nobelpreisträger Emil von Behring, den Entdecker des Diptherie-Serums, mit dem Krupp auf Capri freundschaftlichen Umgang pflegte und dessen Villa anschließend in den Besitz von Maxim Gorki überging. Krupp bevorzugte stattdessen das Hotelleben, bezog im Quisisana, damals wie heute der ersten Adresse der Insel, eine 4-Zimmer-Suite. Das Hotel wurde zu Krupps Zeiten viel von englischen und amerikanischen Reisenden frequentiert, und ein Jahr vor seiner Ankunft hätte Krupp dort Zeuge jener hochdramatischen Szene werden können, die Roger Peyrefitte in seinem Capri-Roman L´Exilé de Capri beschrieben hat: wie der soeben aus dem Gefängnis in Reading entlassene Oscar Wilde mit seinem Freund Lord Alfred Douglas den Speisesaal betritt und sich daraufhin alle Engländer von den Plätzen erheben und ostentativ den Raum verlassen.

Hotel Quisisana

Quisisana, »hier wird man gesund«: Das war auch das Motto, unter dem der Aufenthalt des stressgeplagten, sensiblen Essener Industriellen stand: ein buon ritiro von jener ungeliebten nördlichen Welt unternehmerischer Entscheidungen im Dienste der Firma und formalisierter Scharwenzeleien mit dem Kaiser und der Berliner Hofkamarilla. Krupp liebte es, inkognito aufzutreten, umgab sich auf unkonventionelle Weise mit Menschen aus dem Volk, lernte bei einem lokalen Schulmeister Italienisch, pflegte freundschaftlichen Umgang mit seinem jungen Friseur, mit Fischern und Bootsführern und kehrte gern mit seinem Gefolge in lokalen Trattorien ein.

Die schönste Straße der Welt

Eines aber blieb der Wahl-Caprese auch in seinem südlichen Doppel-Leben: ein großer Mäzen. Für den Erweiterungsbau der Stazione Zoologica stellte er 100.000 Goldmark zur Verfügung, unterstützte die Station darüber hinaus mit mehreren modernen Maschinen zur Tiefseeforschung. Einen Teil seines Capreser Grundstücks stellte er als öffentlichen Park dem Publikum zur Verfügung: die heutigen »Augustus-Gärten«, ein Belvedere mit einem hinreißenden Panoramablick über die Südküste der Insel. Und natürlich vergaß Krupp auch die kleinen Leute nicht. Er teilte reichlich aus und war wegen seiner Freigebigkeit bald ein allseits geschätzter forestiero.

Das alles wäre heute vergessen, hätte Krupp sich nicht mit einem ganz und gar verrückten und zugleich genialen Projekt auf Capri verwirklicht: Es ist die Via Krupp, eine Straße, die in engen Serpentinen von den erwähnten »Augustus-Gärten« zum Meer hinabführt, auf einem fast senkrecht in die Tiefe stürzenden Steilabfall des Monte Castiglione. Als Verbindungsweg spielte und spielt diese Straße so gut wie keine Rolle, es ist eher eine »Straße an sich«, ein architektonisches Meisterwerk zur Verschönerung einer Insel, deren natürliche Schönheit die menschliche Kunst geradezu herauszufordern schien. Natürlich war die Straße auch ein Denkmal für ihren Erbauer. Bis heute trägt sie seinen Namen, und Krupp wurde Ehrenbürger von Capri. Es ist nicht ohne Reiz, daß dort, wo die Via Krupp beginnt, seit 1970 das Monument eines anderen berühmten Capri-Besuchers der Zeit steht, eines Mannes, der der Welt der Krupps den endgültigen Untergang zu bereiten hoffte: das Lenin-Denkmal von Giacomo Manzù.

Via Krupp

Bruder Glücklich aus Essen

Krupp hatte seine Straße so anlegen lassen, daß man von einer der Serpentinen aus auf einem schmalen Felsenpfad eine Höhle erreichen konnte, die nach einem früher dort lebenden Einsiedler Grotta di Fra Felice heißt. Krupp ließ die Höhle des »Bruder Glücklich« mit den nötigsten Bequemlichkeiten ausstatten und gab dort Feste für seine Freunde. Die Grotte wurde im Stil einer mittelalterlichen Einsiedelei mit allerlei »gotischem« Zierrat eingerichtet, die Besucher legten Frack und Vatermörder ab und hüllten sich in wallende »Mönchs«-Gewänder. Beim Eintritt grüßte eine Tafel mit der Aufschrift Parva domus – magna quies, »Klein das Haus und groß die Ruhe«. Krupp, der in Essen im neubarocken Luxus der pompösen Villa Hügel lebte, konnte hier, in einem Felsenloch hoch über dem Meer, in die kindlichen Traumwelten des Spiels, die Wonnen archaischen Höhlenlebens regredieren.

Was dann folgte, traf den sensitiven »Bruder Glücklich« wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Am 15. Oktober 1902 erschien in der sozialistischen Zeitung La Propaganda in Neapel ein Artikel mit dem Titel Capri-Sodoma, der sich in dunklen Andeutungen über einen »reichen degenerierten Ausländer« erging, der auf Capri Geld unter die Leute streue, damit sie ihm »in den widerlichsten Lastern« zu Gefallen seien. 5 Tage Tage später nannte die Zeitung den Namen Krupp: »Die berühmte Straße, die er Capri geschenkt hat, führt zu bizarren Grotten und Villen, in denen sich zahlreiche junge Männer prostituieren«. Der sozialdemokratische Vorwärts in Berlin nahm am 15. November die Vorwürfe in einem Artikel »Krupp auf Capri« auf: »Herr Krupp hatte sich nicht Capri gewählt, um die Insel mit Straßen zu beglücken, sondern weil das italienische Strafgesetzbuch keinen besonderen Paragraphen 175 kennt«. Die Ausgabe des Vorwärts wurde zwar sofort verboten, aber aus dem Leben des Bruder Glücklich auf Capri war plötzlich der »Krupp-Skandal« geworden.

Die Attacke des Vowärts paßte nur zu gut in die widerspüchliche Haltung der Sozialdemokratie gegenüber der Homosexualität. Auf der einen Seite setzte sie sich im Reichstag für die Abschaffung des § 175 ein, der 1871 ins Strafgesetzbuch aufgenommenen worden war und Gefängnisstrafen für »Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts« vorsah. Auf der anderen Seite betrachtete sie Homosexualität als ein »widernatürliches Laster«, wie es vor allem für die verfeinerten höheren Klassen typisch sei. Insofern kam ihr der »Fall Krupp« geradezu gelegen. Er sollte die Doppelmoral der herrschenden Gesellschaft enthüllen und natürlich mit Krupp einen prominenten Vertreter des preußischen Militarismus und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung treffen.

In jedem Fall traf es einen Unglücklichen. Krupp hatte versucht, sich auf seine Weise den Zwängen eines Systems zu entziehen, an dem er innerlich litt und dessen Repräsentant er doch sein mußte. Die biographischen Fluchten ins andere, ins glücklichere Leben führten am Ende zu seinem tragischen Untergang. 7 Tage nach der Veröffentlichung im Vorwärts, am 22.November 1902, starb er – nach offizieller Version an einem Gehirnschlag. Daß er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt haben könnte, wurde sogleich vermutet – was durchaus dem »Ehrenkodex« der wilhelminischen Gesellschaft entsprochen hätte. »Es war ihm leider nicht gegeben, sich durch Aussprache das Herz zu erleichtern oder sich durch Zuspruch trösten zu lassen«, schrieb seine Witwe an Anton Dohrn in Neapel. Die Beerdigung in Essen fand in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. statt, der der sozialdemokratischen Presse den »Mord« an einem aufrechten Mann vorwarf. Zur gleichen Zeit fand auf Capri eine nicht minder pompöse Trauerfeier statt, in der des »großen Wohltäters« der Insel gedacht wurde.

100 Jahre danach

Ob die »Vorwürfe« gegen Krupp in irgend einer Form auf Tatsachen beruhten: Diese Frage wurde seither immer wieder aufgeworfen. Erstaunlicherweise war man gerade am Ort des Geschehens, auf Capri selber, davon überzeugt, daß alles bösartige Erfindung gewesen sei. Norman Douglas, der zu Krupps Zeiten ebenfalls auf Capri lebte, selber der Liebe zu jungen Knaben verfallen war, macht in Looking Back Neid und ausländerfeindliche Vorurteile für die Kampagne verantwortlich. Edwin Cerio, der große Insel-Schriftsteller, spricht in L´ora di Capri von Erpressung. Und Carlo Knight, der neapolitanische Historiker (Krupp a Capri, 1989), ist davon überzeugt, daß Krupp das Opfer des Wahlkampfs zwischen zwei rivalisierenden Stadtratsfraktionen wurde. Auf der anderen Seite sprechen deutsche Historiker, wie zuletzt Lothar Gall (Krupp, 2000) durchaus von einer »homoerotische Neigung« von Krupp. Im Grunde hat sich die Frage nach dieser Art von »Wahrheit« längst erledigt. Auch ein Friedrich Alfred Krupp müßte sich heute nicht mehr gegen den »Vorwurf« verteidigen, schwul zu sein.

Im Jahr 2002, hundert Jahre nach Krupps Tod, erinnert sich Capri erneut seines großen Ehrenbürgers. Kommune und Tourismuswerbung der Insel, sonst eher eifrig, wenn es um die Reichen und Schönen des internationalen Jet Set geht, bereiten eine Gedächtnis-Ausstellung und einen großen Krupp-Kongreß vor. Und sie haben in Aussicht gestellt, aus diesem Anlaß endlich Krupps capresisches Meisterwerk, die Via Krupp ,wieder begehbar zu machen. Viele Jahre lang war die Straße verfallen, vor einigen Jahren wurde sie feierlich wieder eröffnet, dann wieder geschlossen. Sogar die verschwiegene Grotta di Fra Felice soll restauriert und wieder zugänglich gemacht werden. Man kann sich dann vielleicht an Ort und Stelle an das erinnern, was Friedrich August Krupp drei Monate vor seinem Tod und schon beschädigt von der üblen Kampagne an den befreundeten Ignazio Cerio auf der Tiberius-Insel geschrieben hat – schon in der Melancholie der Vergangenheitsform: »Sie wissen, wie glücklich ich auf Capri war; ich habe mich selber als Capresen gefühlt – und ich war stolz darauf«.

aus: DIE ZEIT, vom 25.7.2002

Der Autor ist Professor für Germanistik und Kulturgeschichte an der Universität Bremen. Zitate aus dem unveröffentlichten Briefwechsel Krupp / Dohrn mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Stazione Zoologica in Neapel (Dr. Christiane Groeben).

Alle Abbildungen: Archiv U. Schuch

 

 

Dieter Richter

Der Friedhof der Nichtkatholiken auf der Insel Capri

Wer früher auf einer Reise in den Süden starb und nicht römisch-katholischen Bekenntnisses war, erhielt kein Begräbnis in »geweihter Erde«. Die Friedhöfe unterstanden kirchlicher Hoheit und galten nach Kirchenrecht als loca sacra, heilige Orte, die den fideles, den Gläubigen vorbehalten waren. Protestanten und Angehörige anderer Konfessionen aber galten als »Ungläubige« und waren daher in der Regel von diesen Orten ausgeschlossen: ein Grundsatz, der in Süditalien bis weit ins 20. Jahrhundert Anwendung fand.

In verschiedenen italienischen Städten, in denen der Fremdenverkehr florierte, entstanden daher im 19. Jahrhundert sogenannte »akatholische Friedhöfe« (cimiteri acattolici), so z.B. in Venedig, Livorno, Florenz, Rom oder Neapel.

Einen der reizvollsten nichtkatholischen Friedhöfe findet man auf der Insel Capri. Er liegt an der Straße, die vom Zentrum des Ortes zur Marina Grande führt, direkt neben dem städtischen Friedhof. Mit seinen zahlreichen Bäumen und Büschen repräsentiert er – in auffallendem Gegensatz zum kommunalen Friedhof – die Idee des »Gartens«, die für nordeuropäische Friedhöfe typisch ist. Der Cimitero acattolico auf Capri hat eine besondere Geschichte: Er verdankt seine Gründung nicht der Intervention einer ausländischen Regierung (wie in Neapel), sondern einer »Bürgerinitiative« von Angehörigen der englischen und deutschen Fremdenkolonie auf der Insel, die den Friedhof in Selbstorganisation nach dem Muster des englischen Vereinsrechts verwalteten. Erst 1991 ging er in kommunalen Besitz über. »Irrespective of race or religion« (so eine Tafel am Eingang) möchte dieser Friedhof den fremden Gästen eine Heimat bieten: die Vorwegnahme ökumenischen, völkerverbindenden Denkens.

Grab Norman Douglas

Grab Baron Fersen

Mit seinem traumhaft schönen Blick auf Meer und Vesuv ist der Friedhof zugleich ein Spiegel der Geschichte Capris und seiner Faszination auf Künstler, Intellektuelle und Außenseiter aus ganz Europa. Unter den über 200 Personen, die seit 1881 hier beigesetzt wurden, sind (um nur einige wenige zu nennen) der englische Schriftsteller Norman Douglas, der mit seinem Roman »South Wind« Capri bekannt gemacht hat, der französische Exzentriker Jacques d´Adelsward Fersen (der in seiner Villa Lysis seinem Leben mit einer Überdosis Kokain ein Ende setzte), das amerikanische »Schwester«-Paar Kate und Saidee Wolcott Perry aus der Villa Torricella, die Deutsche Alice Faehndrich, die in ihrer Villa Discopoli 1906/7 Rainer Maria Rilke beherbergte oder, aus allerjüngster Zeit, der italienische Galerist Lucio Amelio (gest.1994), der Joseph Beuys in Neapel bekannt machte. Daneben gibt es Gräber von verunglückten Touristen, unglücklichen Selbstmördern oder jüdischen Emigranten aus Nazi-Deutschland. Dem Geist des Ortes angemessen ist der Cimitero acattolico ein »literarischer« Friedhof. Mit originellen Grabinschriften und -emblemen (darunter sogar musikalischen Zitaten) scheinen die Toten den Besucher in einen imaginären Dialog über Tod und Vergessen zu verwickeln. Am Grab des finnischen Ministers Harri Holma liegt sogar ein Gästebuch für die Besucher aus.

Inschrift am Grab der »Schwestern« Wolcott Perry

Gästebuch am Grab von Harri Holma

aus: Peter Amann: Golf von Neapel.Kampanien. Reise Know-How. Bielefeld 2002, S. 200.

Alle Abbildungen: Archiv U. Schuch

 

 

Dieter Richter

Jakobsleiter in den Himmel

Auf der Phönizischen Treppe auf Capri können Besucher wieder Stufen zählen

Der Zwang, zu zählen, wieviele Stufen sie denn eigentlich habe, scheint alle überkommen zu haben, die sie hinaufgestiegen sind: die berühmte Scala Fenicia, die »Phönizische Treppe« auf der Insel Capri, die, in den fast senkrecht abfallenden Felsen des Monte Solaro gehauen, lange Zeit den einzigen Zugang von Capri zur zweiten Ortschaft der Insel, dem auf dem westlichen Hochplateau gelegenen Anacapri bildete. 560 Stufen zählte hier 1853 Ferdinand Gregovius, der Autor der vielgelesenen Wanderjahre in Italien; 721 waren es für Reinhold Schoener, den damaligen Korrespondenten der Vossischen Zeitung (und Verfasser eines »Capri«-Führers) und von exakt 777 Stufen sprach der schwedische Arzt Axel Munthe. Der hat, mit dieser magischen Zahl, die seinem Sinn für Mystifikationen entgegenkam, die Treppe recht eigentlich bekannt gemacht. Die Leser seines Buches von San Michele erinnern sich, wie der gerade am Hafen Gelandete nur das eine Ziel kennt: Da, da muß ich hinauf, wie er die Treppe emporstürmt, die alte Briefträgerin überholt, oben dem Leibhaftigen begegnet und sogleich weiß, daß er hier und nur hier seine Villa errichten muß.

Die steht da noch heute, sie ist neben der Blauen Grotte der stärkste Besucher-Magnet der Insel, aber wer sie jetzt besucht, nimmt nicht mehr die Mühen der steilen »Jakobsleiter« (Gregorovius) in Kauf. Seit mehr als 100 Jahren verbindet eine schmale Fahrstraße Capri und Anacapri, ein Wunder der Straßenbaukunst auch sie, in abenteuerlichen Serpentinen in den Berg geschnitten. Die Einheimischen bekreuzigen sich noch immer, wenn der kleine Bus in rasender Fahrt am Abgrund entlang das Bild der Madonna passiert, das den gefährlichsten Punkt der Passage markiert. 1944 ist dort ein vollbesetzter Bus in die Tiefe gestürzt, und auch die Touristen, die davon nichts wissen, halten hier im Bus den Atem an.

Mit dem Bau der Straße schien das Schicksal der rund 2500 Jahre alten Phönizischen Treppe besiegelt. Bis in die Sechziger Jahre bildete sie zwar noch ein festes Motiv aller lokalen Postkartenserien, aber begangen wurde sie längst auch von den Einheimischen nicht mehr. So verfiel sie zunehmend, die Stufen bröckelten ab, Teile der Stützmauer brachen ein, der Steinschlag vom Monte Solaro tat ein übriges. Seit vielen Jahren waren die Zugänge von beiden Seiten versperrt.

Scala Fenicia als Postkartenmotiv

Scala Fenicia als Postkartenmotiv

Mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft hat nun die Gemeinde von Anacapri in mehr als zweijähriger Arbeit die Treppe wiederherstellen lassen. Anfang Oktober 1998 fand die feierliche Einweihung statt, der Präsident der Region Kampanien, Antonio Rastrelli hat sie persönlich zelebriert und an hymnischen Worten hat es dabei nicht gefehlt. Zwar braucht sich Capri um seinen Ruf keine Sorgen zu machen, noch immer ist die Insel die Luxus-Residenz eines exlusiven italienischen Publikums und zugleich Anlaufstelle eines internationalen Schnell-Tourismus. Dennoch hat Capri lange Zeit zu wenig getan, um das zu pflegen und zu erhalten, was in Italien immer wieder als »patrimonio culturale« beschworen wird: das kulturelle Erbe der Region. Die Via Krupp, die der Essener »Kanonenkönig« Friedrich Alfred Krupp 1902 als Verbindung zur Marina Piccola in den Kalkfelsen des Monte Castiglione hat schlagen lassen und von der der Architekturhistoriker Roberto Pane einmal gesagt hat, sie sei ein Beweis dafür, daß auch eine Straße ein Kunstwerk sein könne, ist seit vielen Jahren wegen akuter Abbruchgefahr gesperrt. In restauro lautet im Süden die euphorische Umschreibung für derartige Situationen. Vor kurzem haben nun tatsächliche Restaurierungsarbeiten begonnen (auch hier beteiligt sich die Europäische Union) und es besteht gute Aussicht, daß schon im kommenden Jahr die schmale Serpentinenstraße mit ihrem grandiosen Panoramablick wieder zugänglich sein wird (1). Auch die Wiederherstellung eines anderen, weniger spektakulären Ortes ist vor kurzem in Angriff genommen worden. Es ist der sogenannte Cimitero acattolico, der »Friedhof der Nicht-Katholiken«, der 1879 von englischen und deutschen »Wahl-Capresen« angelegt wurde, weil die katholische Kirche den örtlichen Friedhof für das Begräbnis »Ungläubiger« nicht zur Verfügung stellen wollte. Wie an keinem anderen Ort verdichtet sich hier die Kulturgeschichte des Capri-Tourismus der letzten hundert Jahre. Maler und Schriftsteller liegen hier begraben, Exzentriker und Libertins, verunglückte Touristen, Selbstmörder, jüdische Emigranten aus Nazi-Deutschland, italienische Freidenker. Es hätte wenig gefehlt und dieser »Garten der Erinnerung« (so der Titel eines jüngst erschienenen Buchs) wäre dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Vor zwei Jahren hat nun die Gemeindeverwaltung begonnen, ihn von Schutt und Unkraut zu befreien, die umgebrochenen Grabsteine wiederaufzurichten und die Grabeinfassungen neu anzulegen.

Daß man auf Capri (und ähnlich an anderen Orten in Süditalien) seit einiger Zeit Verfallenes wieder entdeckt, ist Symptom eines allmählichen Umdenkens im Hinblick auf Kultur- und Umweltschutz. Das in Ravello an der Amalfiküste beheimatete Europäische Universitätszentrum für das Kulturelle Erbe hat im vergangenen Jahr ein Programm zum Schutz der beni culturali minori, also der »kleineren Kulturdenkmäler« vorgelegt. Dazu zählen auch historische Wege, Treppen, Mauern, Pflasterungen, Terrassen und traditionelle ländliche Architekturformen. Anders als die »großen« Monumente, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, sind diese einem allmählichen schleichenden Verfall ausgesetzt, dessen Folgen für Landschafts- und Stadtbilder jedoch gravierend sind.

Die Rettung und Wiederherstellung solcher »kleineren« Objekte hat natürlich auch mit einer neuen Option im internationalen Tourismus zu tun. Mehr und mehr werden neben den großen Sehenswürdigkeiten heute die kleineren Schauplätze attraktiv, suchen vor allem kulturbewußte Touristen die noch nicht von den Massen ausgetretenen Nebenwege – und dies auch an den klassischen Reisezielen Italiens. Es ist kein Zufall, daß vor zwei Jahren der erste Wanderführer für die Capri gegenüber liegende Costiera Amalfitana erschienen ist, und kein Zufall ist auch die Herkunft der Verfasser: ein Schweizer Ehepaar aus Basel. Was die beiden an historischen Treppenwegen und Saumpfaden im Hinterland der vielbesuchten Amalfitana beschrieben haben, ist zum großen Teil auch den Einheimischen nicht mehr bekannt.

Ausländer – Engländer und Deutsche – waren es auch zumeist, die in den ersten Wochen nach der Freigabe auf der Phönizischen Treppe auf Capri anzutreffen waren. Der Weg ist gefahrlos aber beschwerlich, immerhin hat man einen Höhenunterschied von rund 250 Metern zu überwinden, und nur auf dem unteren Streckenabschnitt kann man im Sommer vor der Sonne sicher sein. Er beginnt in unmittelbarer Nähe der alten Kirche San Costanzo und führt zunächst recht gemächlich durch Niederwald und die für die Inselflora typische Macchia. Dann beginnt der eigentliche Anstieg auf der steilen, zum Teil in den Felsen gehauenen Treppe, die zum Teil senkrecht zum Meer hin abfällt, und der von der Sommersonne benebelte deutsche Wanderer mag sich angesichts der Mühen des Steigens an das Schicksal eines prominenten Landsmanns erinnert fühlen: des Barons Ekkehard von Schack, eines der vielen der Capri-Lust verfallenen Nordländer, der hier im heißen Sommer 1952 nach einem Bad im Meer und auf dem Rückweg zu seinem Haus in Anacapri von einem Herzschlag getroffen wurde. Auch weniger dramatische Capri-Impressionen werden hier lebendig: die historischen Photographien mit den Frauen aus Anacapri, die mit Amphoren und schweren Lastenbündeln auf dieser Treppe stehen, die Erinnerung an die Fischer, die sie täglich zum Hafen hinabgestiegen sind, an die Eroberer aller Epochen, die sich den Weg nach oben erkämpft haben. Vor einigen Jahrhunderten haben die Bischöfe von Capri längs dieser Treppe große Kreuze in den Fels meißeln lassen, »zum Schutz vor Gefahren und zur Abwehr böser Geister«, wie eine neuere Tafel meint. Vielleicht mußte auch einfach dieser heidnische Ort mit dem Zeichen des Kreuzes christianisiert werden, ähnlich wie die Obelisken oder das Kolosseum in Rom. Zwar haben nicht die Phönizier die Treppe in den Felsen geschlagen (der Name ist eine spätere gelehrte Erfindung), wohl aber die Griechen, die nach dem 8. Jahrhundert v.Chr. Capri besiedelten und von den Inseln in der Ägäis her die Technik des Felstreppenbaus beherrschten. Die Römer haben die Treppe von ihnen übernommen, und bis in die Neuzeit war sie zwischen Capri und Anacapri, den beiden seit alters rivalisierenden Ortschaften der Insel, Verbindungsweg und Barriere zugleich. Porta della Differenzia, »Tor der Unterscheidung« heißt das wehrhafte alte Stadttor Anacapris, das den Wanderer am oberen Ende der Treppe empfängt. Und in der Tat unterscheiden sich noch heute die beiden Orte der Insel in ihrem Charakter erheblich.

Porta della Differenza – Stadtgrenze Anacapris

Scala Fenicia heute

Die Art der Restaurierung selber ist in Capri nicht unumstritten. Da große Teile der Treppe und der Begrenzungsmauer zerstört waren, hat man sie weniger im Sinne einer detailgenauen historischen Rekonstruktion, sondern eher als Neuaufbau realisiert. Das auffallendste Zugeständnis an die Moderne ist die in die Mauer integrierte elektrische Beleuchtung. Vielen Einheimischen erscheint sie als zu grell, vor allem dort, wo der Weg zum Bild der Madonna als breite horizontale Licht-Linie die eigentliche Scala Fenicia kreuzt. Marinetti, der 1923 auf Capri erklärt hat, 100.000 elektrische Glühbirnen seien schöner, als der Mond über Capri, hätte jedenfalls seine Freude daran. Und auch wer, vielleicht nach beschwerlicher Wanderung am Abend nach Capri zurückgekehrt, von der Terrasse der Seilbahn aus den Blick auf den Monte Solaro wirft, wird sich der Faszinantion der magischen Zick-Zack-Linie nur schwer entziehen können.

(1) Im Süden gehen die Dinge kompliziert voran. Die Straße wurde zwar inzwischen wieder eröffnet – aber auch bereits wieder geschlossen (Anmerkung des Autors 2005).

aus: Frankfurter Rundschau, vom7.11.1998

Alle Abbildungen: Archiv U. Schuch